SCHRÖDER
WORKS
NIEHAGE
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SAMPLINGPLONG, Jörg Niehage on Vimeo.

Exhibitions:

2010
FAD Festival de Arte Digital, Belo Horizonte, Brazil
Siggraph Art Gallery -Touch Point: Haptic Exchange between Digits, Los Angeles, USA Amber'10 Art and Technology Festival, Istanbul, Turkey
404 at Digital Art Festival, Taipei, Taiwan
Videomedeja, Museum of Contemporary Art Novi Sad, Serbia

2009
Transitio_MX 03, Centro Nacional de las Artes, Mexico City, Mexico
FILE 09 Sao Paulo, Brazil
Athens Video Art Festival, Athen, Greece
Selected for WRO 09 13th Media Art Biennale Competion, Wroclaw, Poland


2008
Ars Electronica, Cyberarts Exhibition, Linz, Austria

Lab30, Augsburg, Germany

Prizes:

Prix Ars Electronica Digital Musics, Honorary Mention
Videomedeja 2010 Award "Bogdanka Poznanovic" Media installation prize
Concurso Transitio_MX 03, Categoría #1 Topografías residuales, Mención honorífica


Randomly selected, acoustically usable finds (electronic junk, relays, plastic toys,compressed air valves, pneumatically operated components) are combined with cables and tubes. Via a device controlled by computer, they are turned into interactive instruments. An improvised ensemble evolves, from which - per mouse-over and mouse-click -short miniature compositions of dense rhythmic clicks, hisses, whirs, hums and crackles can be elicited. A tapestry of sound bursts forth from the floral-like web of cables and tubes. The installation can be used by the projected mouse-cursor: rolling over the improvised instruments causes small sound events. Activating the installation by rolling over its parts enables the user to play spontaneous improvisations. Clicking these objects starts short programs of loop-like compositions. Small "techno-compositions en miniature", rhythmic patterns of analog (or real) sounds; a physical low-tech simulation of electronic, digital music, perhaps an ironic comment on interactivity.

Zufällig ausgesuchte, akustisch verwertbare Fundstücke (Elektronikschrott, Relais, Plastikspielzeug, Druckluftventile, pneumatisch animierte Bauteile, ...) werden mit Kabeln und Schläuchen verknüpft. Über ein Interface von einem Rechner angesteuert, werden sie zu interaktiven Instrumenten. Es entsteht ein improvisierter Klangkörper, dem per Maus-Roll-Over und Mausklick kurze Miniaturkompositionen aus sich rhythmisch verdichtendem Klicken, Zischen, Rauschen, Brummen, Knistern entlockt werden können. Ein Klangteppich, der aus der floral anmutenden Verknüpfung von Kabeln und Schläuchen sprießt. Arrangiert auf einer hübsch-Karierten Picknickdecke verwandelt sich die Installation durch die Projektion des Computer-Displays in eine interaktive Benutzeroberfläche.

> Apple Macintosh Intel Core 2 Duo
> USB-Interface
> Apple Macintosh OS, Lingo Macromedia Director MX
> Projector XGA-Resolution (1024x768 Pixel)
> Electricity (220Vol, 24Volt)
> Compressed Air (1,5 bar)

 

ABSURDE KOLLEKTIVE
Marion Saxer,
Neue Zeitschrift für Musik, 6/2008

Es ist eine bizarre Versammlung heterogener Gegenstände, die der Klangkünstler Jörg Niehage in seiner interaktiven Klanginstallation samplingplong auf einer gelb-karierten, an einigen Stellen angeschmutzten Tischdecke präsentiert. Die auf der diesjährigen ars electronica in Linz ausgezeichnete Arbeit ist die reduzierte und verdichtete Version einer bereits 2006 entwickelten Installation. Einige der Dinge, die da zu sehen sind, erinnern an Organisches, besonders ein gelblicher kleiner Ballon aus einer hautartigen Substanz, deren materielles Substrat aber ein Rätsel bleibt. Die Herkunft seines daneben liegenden Kompagnons – ein ebenso kleiner Ballon aus fahlem bleigrauem Plastik – ist dagegen eindeutig als einem Müllbeutel entstammend zu erkennen. Rechts außen, wie zufällig etwas neben die Decke geraten, ein alter weißer, löchriger Strickhandschuh; weiß auch die herumliegende Plastiktüte. Davon gibt es noch eine, die aber in einem durchsichtigen Plastikgefäß steckt; dahinter steht eine Bierflasche. Also doch ein Picknick? Nein, dazu passen die verschiedengroßen Relais, die auf der Decke verteilt sind, ebenso wenig wie der schwarze Kasten im Hintergrund, der nach und nach als Lautsprecher-Box erkennbar wird. Schon eher der große, ebenfalls weiße Wasserkanister hinten rechts, aber an dem ist ein kleines Hämmerchen befestigt und lugt da nicht die Fingerkuppe eines Plastikhandschuhs hervor? Und dann sind da auch noch die vielen kleinen Schläuche, schwarz oder durchsichtig, teilweise mit groben Stichen in die Decke gestickt. Nein das passt alles nicht zusammen.

Der Besucher – oder sollte es besser heißen: die Rezipientin, Userin, der Besucher-Akteur? Noch immer fehlt eine passende Bezeichnung für die Adressaten interaktiver Arbeiten. Der Terminus Publikum hat hier ausgedient, da sein Plural den meisten interaktiven Arbeiten, die, wie auch die Niehages, jeweils lediglich von einer Person bedient werden können, nicht mehr angemessen ist. Sagen wir also: Die Besucher-Akteurin (weil mit diesem Begriff das aktivierte, interagierende Potenzial der Rezipienten deutlich ausgesprochen wird), hat nun die Möglichkeit, dieses absurde Kollektiv, mit der vorne bereitliegenden Mouse-Taste zu erkunden. Eine eigenartige Erfahrung ist es, mit dem Tool, das normalerweise lediglich auf der Bildschirmoberfläche seine Wirkung entfaltet, über unmittelbar anwesende Dinge zu fahren und sie zu bewegen, eine Veränderung herbeizuführen. Dass die Dinge wirklich reagieren, wenn man mit ihnen umgeht, dass sie darüber hinaus das eigene Handeln anregen und mitbestimmen können, gerät allzu leicht in Vergessenheit bei der eingehegten, tausend- und abertausendfach wiederholten Mousefahrt über den Bildschirm des Computers. Bei Jörg Niehage wird die gewürfelte Tischdecke zur Benutzeroberfläche. Und darauf geschieht so einiges.

Die Dinge beginnen, sobald sie angesteuert werden, ihr eigenartiges Leben. Schläuche bäumen sich auf und entlassen dabei zischende Geräusche, auch die kleinen Ballons füllen sich mit Luft, die ihnen dann mit pneumatischem Eigenklang wieder entweicht. Die verschiedenen Relais geben ihre angestammten Knacklaute zum Besten und entfalten einen erstaunlichen Reichtum klanglicher Varianten. Vieles gibt es zu entdecken bei diesem anarchisch-grotesken Ding-Ballett mit Geräusch-Konzert, dessen Klänge, wie schon die Dinge selbst, mit all den unterschiedlichen Zisch und Hauchlauten eine Tendenz zum Organischen besitzen. Selbst das Boxenknacken bekommt in diesem Zusammenhang etwas Schmatzendes. Leicht unheimlich und endgültig widernatürlich abseitig beginnen sich die Finger des weißen Wollhandschuhs zu bewegen und klingen dabei surrend robotisch.

Im spielerischen Ausprobieren liegt auch ein Moment des Reflexiv-Werdens. Für die Besucher-Akteurin mag sich dies in Form einer Erfahrung einstellen, die John Cage einmal als „not focussing attention but let attention focus itself“ beschrieben hat. Beim Kurs über die Karodecke werden die eigenen Strategien des Auswählens und Weitergehens bewusst. Es ist z.B. möglich, zunächst einmal alle weißen Gegenstände anzufahren. Oder den vielstimmigen Gesang der Relais zu entfachen. Oder jegliche Strategien zu vermeiden. Ein Wechsel der Sinnesmodalitäten ist geradezu unvermeidlich. Bald kann das Hören zum Kriterium des Erkundens werden: Welche Gegenstände erzeugen pneumatische Geräusche? Wie klingt der Übergang von dem kleinen Relais zum Klopfen des Hämmerchens auf den Kanister? Und nach und nach wird im Prozess dieser Seh-Hör-Exkursion deutlich, dass die zunächst so zufällig und intentionslos verstreuten Sachen doch fein komponiert und ausbalanciert sind, ohne allerdings jemals eine stimmige Ganzheit zu bilden. Das betrifft z.B. die Farbigkeit, mit dem dominierenden gelb – weiß – schwarz Dreiklang, aber auch die Positionierung der Dinge auf der Decke. Darüber hinaus die unterschiedlichen Zeitlichkeiten der Gegenstände: wie z.B. die der Relais, die für zahllose Wiederholungen gebaut sind oder der Plastiktüten als Einmalprodukte oder die angesammelte Zeit in den Gebrauchsspuren des löchrigen Handschuhs. Zudem besteht die Möglichkeit eines Wechsels der Rezeptionshaltung: Vom eigenen Erkunden kann auf das ganz traditionelle „Sich-Etwas-Präsentieren-Lassen“ umgeschaltet werden, denn beim Anklicken der Gegenstände werden kleine Kompositionen ausgelöst, patternartige, repetitive Gebilde, Klangfelder, die mit Mikrovarianten arbeiten, in die aber auch wieder eingegriffen werden kann.

Jörg Niehage ist ein (bekennender) Bastler im besten Sinn des Wortes, so wie er von Claude Lévi-Strauss gewürdigt wurde. Nach Lévi-Strauss wird das Basteln durch die folgenden, miteinander verbundenen Merkmale definiert: den Besitz eines vielschichtigen und gleichwohl begrenzten Bestandes oder Codes; der Fähigkeit, die Fragmente in stets neue Fragmentierungen einzufügen; womit die Unterscheidung zwischen Produzieren und Produkt, instrumentellem und zu realisierendem Komplex gleichgültig wird. Die Nicht-Vollendung ist ein Imperativ dieser Form der Produktion. Bei Niehage kommt noch eine gehörige Portion (schwarzen) Humors dazu, denn er führt mit seinen Arbeiten darüber hinaus vor, wie das Kaputtgehen zum normalen Funktionieren gehört – ein Sachverhalt, der auch gerne in Vergessenheit gerät. Niehage bringt seine heterogenen Ding-Assoziationen durch eigens ausgetüftelte, komplexe technische Interventionen dazu, sich zu bewegen oder Geräusche und Klänge abzugeben. Dabei benutzt er bevorzugt „aussterbende Technik“, wie etwa veraltete Steuerprogramme, die nicht mehr in Gebrauch sind. Für die Regulation der pneumatischen Prozesse von Samplingplong hat er bei E-Bay für 50 € eine alte Industrieanlage zur Druckluftsteuerung erworben. Seine Installationen könnten als eine Art prekärer High-Tech bezeichnet werden, denn er fordert Programmen und Geräten Aktionen ab, für die sie nicht vorgesehen sind, was zum Teil beträchtliche technische Eingriffe notwendig macht. Die so entstehenden Klanginstallationen sind äußerst fragile Gebilde, oft funktioniert etwas nicht und wenn es funktioniert, bedeutet das eigentlich ein kleines Wunder. Das Funktionieren hängt an einem seidenen Faden und man kann nie wissen, wie lange etwas halten wird. Niehage respektiert das Unberechenbare seiner Materialien und Apparate. Es ist nicht vorhersehbar, wie oft eine Aktion wiederholt werden kann, ohne dass etwas durchscheuert, abgenutzt ist oder einfach abfällt. Doch das Gelingen dieser Arbeiten beruht auf der Möglichkeit ihres Scheiterns. Denn gerade weil Niehage das Risiko des Scheiterns eingeht, bringt er die Technik dazu, ein Eigenleben zu entfalten. Die Geräte entscheiden mit, ob sie kooperieren. Sie wirken direkt auf das Verhalten des Künstlers ein. Raffiniert und augenzwinkernd bringt Niehage die Dinge dazu, so zu tun als seien sie wirklich lebendig und tritt mit ihnen in einen Dialog. Er lässt die Kategorien des Beherrschens und Beherrscht-Werdens, des Kontrollierens und Kontrolliert-Werdens, die traditionellerweise unser Technikverständnis bestimmen, hinter sich und legt den Schwerpunkt auf wechselseitige Konditionierungen, auf Interaktion und Kooperation. Dieses zukunftsweisende Technikverständnis formuliert er in seiner Kunst mit den billigsten, verbrauchtesten Materialien.