SCHRÖDER
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NIEHAGE
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Verena Kuni, http://blitzreview.thing.at/blitzreview/
... Zu den weit selteneren künstlerischen Kopfgeburten des Ressorts Robotik zählt die Menagerie von Probst, Niehage & Schröder, die derzeit in der Frankfurter Galerie Fruchtig zu sehen ist. In den gläsernen Etagen der Menagerie hocken silbrige Insekten und Säuger, die sich von Zeit zu Zeit zu regen, zu tasten und zu tappen, zu äugen und zu schnappen beginnen. Sie alle sind ausgerüstet mit einem Sensorium, das ihnen taktile, optische oder akustische Stimuli aus der Aussenwelt übermittelt, die wiederum über eine speicher-programmierbare Steuerung einfache motorische oder pneumatische Bewegungen auslösen. Umgeben von einer ebenfalls zyklisch aus ihrem Schlaf erwachenden Flora mechanischer Mimosen, führt uns die Menagerie eine komplette kleine Welt vor: selbstbezogen, selbstvergessen, in einen sinnlosem Kreislauf von Reizwahrnehmungen und Reflexhandlungen, die ihrerseits nichts als neue Reize vorstellen und neue Reflexe auslösen können, gefangen. Insofern ist die Menagerie weit mehr als ein künstlerisches Phantasma, das greifbare Gestalt angenommen hat: als Mikrokosmos stellt sie uns zugleich ein Situationsmodell städtischer Lebenszusammenhänge vor, ist sie experimentelle Strukturanalyse und kritisch-ironischer Kommentar zugleich.
MENAGERIE

Jörg Niehage, Wolfgang Probst, Christian Schröder

Galerie Fruchtig

Frankfurt am Main, 1996

Die Menagerie ist eine gebaute Struktur - eine Konstruktion. Diese Konstruktion ist ein gegenüber der Außenwelt abgeschlossener Komplex. Dieses Gebäude, eingebettet in einen botanischen Rahmen, beherbergt eine Population von Bewohnerorganismen. Dabei muß der Komplex meherere Aufgaben erfüllen: Mit der tragenden Konstruktion und seiner gläsernen, äußeren Hülle bietet der Raumkörper eine schützende Membran, die innere und äußere Welt trennen aber gleichzeitig noch durchlässig ist für einen wechselseitigen Austausch von Eindrücken. Die äußere Hülle ist dabei eine ambivalente Struktur die offen läßt ob die inneren Existenzen vor der rauhen Außenwelt, oder der Betrachter vor der potentiellen Gefährlichkeit des Innenlebens geschützt werden soll. Mit seiner inneren Struktur, einem geometrischen Raster, schafft das Gebäude eine Vielzahl von Parzellen. Diese Parzellen bilden deutlich voneinander abgegrenzte Subräume, die den limitierten Lebensraum und die spezifische Perspektive der beherbergten Individuuen vorschreiben. Die Isolation der Parzellen wird durchbrochen durch ein verzweigtes Netzwerk an Versorgungs- und Informationsleitungen, die der Komplex zur Verfügung stellt. Das Gebäude erscheint dadurch, ungeachtet seiner geometrisch-rationalen Gestalt wie ein großer Wirtsorganismus der die Existenz seiner parasitären Gäste sichert. Das Gebäude ist gekennzeichnet durch seine mitleidlose Transparenz, durch die sein repetitiv-zirkuläres Innen- und Eigenleben zur Schau gestellt wird. Letztlich ist es nichts weiter als eine von obskuren Entitäten bevölkerte Vitrine - eine Menagerie en miniature.

"Seit sich das Verhalten auf bestimmte Bildschirme oder auf Operationen ausführende Terminals konzentriert, erscheint das Übrige nur noch als ein großer nutzloser Körper, den man verlassen und verdammt hat." (J. Baudrillard)

"Vor diesem punktgroßen Insekt, das auf meinem Tisch rannte, war meine erste Reaktion barmherzig: es erdrücken, dann beschloß ich es seiner Panik zu überlassen. Wozu es davon befreien? Nur hätte ich zu gerne gewußt, wohin es eilte!" (Cioran)

Die Bewohner-Organismen der Menagerie definieren sich über differenzierte Funktionen wieWahrnehmung, Bewegung, Reaktion. Sensibilisiert durch akkustische, optische (Infrarot-) Sensoren, oder Kleinstvideokameras, werden motorische beziehungsweise pneumatische Handlungen ausgelöst. Die Steuerung dieser Handlungen erfolgt über speicher-programmierbare Steuerungen. Sensorische Impulse werden (digital) mit kinetischen Reaktionen verknüpft. So verfügen diese Entitäten über eine primitive Schnittstelle zu ih-rer unmittelbaren Umwelt, die es ihnen ermöglicht untereinander zu kommunizieren, hinzutretende Betrachter wahrzunehmen und auf sich verändernde Situation zu reagieren. Die Existenz einiger Organismen ist von Irritation gekennzeichnet die von Monitoren ausgelöst wird die in den Parzellen installiert sind. Die Wahrnehmung der betroffenen Organismen orientiert sich an diesen Bildschirmen. Somit befindet sich die Menagerie in ständiger Produktion und Rückkopplung von Bildern ihrer selbst. Alleingelassen mit ihrer offensichtlichen Beschränktheit in Feinmotorik Wahrnehmung und Orientierung, führen diese Wesen eine fragwürdige Existenz in einem von Simulation und Künstlichkeit geprägten Lebensraum. Isoliert voneinander erheischt ein jedes nur einen Auschnitt des gesamten Zusammenhangs. Die Grenzen dieses fragmentarischen Blicks werden durch die Fluchtlinien der ihnen zu gewiesenen Perspektive gezogen. Wie hypnotisiert sind die Organismen in ihren bescheidenen Bemühungen gefangen, ohne je ihr Ziel zu erreichen. In ihrem Beharren auf ihre Sicht der Welt, geben sie sich dabei gewissermaßen der Lächerlichkeit preis. Gleichwohl gewinnen sie unsere Sympathie, wähnt doch der Betrachter hinter den sich rythmisch überlagernden Wiederholungen von letztlich sinnlosen Aktionen eine Choreografie des Alltäglichen.

"Mimosa, artenreiche Hülsenfrüchtegattung der Unterfamilie der Mimosengewächse (Mimosoideen). Bei dem halbstrauchigen Tropenunkraut schamhafte M. (Sinnpflanze, Nolimetangere, Rührmichnichtan, M. pudica) klappen in Gelenkpolstern bei der geringsten Erschütterung und Berührung die Blättchen nach oben zusammen und schließen das ganze Blatt abwärts; durch die Stengel greift der Reiz abwärts auf andere Blätt er über. Nach einiger Zeit richten sich die Blätter wieder zurück. Verdunklung wirkt ähnlich („Schlafstellung“). Daher Sinnbild für übertriebene Empfindsamkeit."

Ein florales Netz umspannt das Gebäude. Auf einem scheinbar niederen Stadium einer Evolution verharrend, stehen die Pflanzen stoisch dem Komplex gegenüber. Flechtengleich, wuchernd erobern ihre Wurzeln und Triebe den Raum. Die Gewächse umrahmen den Gebäudekomplex wie tröstendes „Architektengrün“, wirken jedoch fragwürdig in der ihnen zugedachten Rolle, dekoratives Beiwerk eines nüchternen Rasters zu sein. Obwohl auch sie nur konstruierte Existenzen sind, entwickeln sie klammheimlich ihre sensorisch-taktilen Eigenschaften, die sie als bescheidene, eigenwillige Charaktere beschreiben. Über deren sensible Sinnesorgane finden rudimentäre Reize aus Umgebung und benachbartem Gebäudekomplex Zugang zu deren Innenleben. Diese von den Gewächsen eingefangenen und modifizierten Impressionen werden verstärkt hör- und sichtbar wiedergegeben. Sie verfügen über Fortpflanzungsorgane, deren Membrane sich zyklisch agitierend öffnen. Hydrotranspiris (b.) erlaubt uns Einblicke in ihren Stoffwechselprozess. Letztendlich erblühen diese Erscheinungen in ihren Autonomiebestrebungen für kurze Zeit um gleich darauf im Bewußtsein der Systemabhängigkeit mimosenhaft in sich zu kehren.

Wer weiß, ob die Gedanken nicht auch einen winzigen Lärm machen, der durch feinste Instrumente aufzufangen und empirisch zu enträtseln wäre. C. Morgenstern